„Die Eigentumsquote muss hoch“

 

Häuslebauer aufgepasst: Jetzt kommt die Wohn-Riester! Eine kleine Hilfestellung seitens der Regierung, um die Lust auf die eigenen vier Wände im öden deutschen Wohnungsmarkt wieder erblühen zu lassen. Lieber mieten als kaufen: Die Deutschen hinken hinterher – im europäischen Vergleich belegen sie einen der letzten Plätze beim Thema Wohneigentum.

Der Wegfall der Eigenheimzulage im Jahr 2006 zerstörte die letzten Reize. Ein Mann kämpft nun ganz besonders für die Renaissance der eigenen vier Wände: Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Wolfgang Tiefensee. procontra sprach mit der Hoffnung aller Häuslebauer darüber, warum Deutsche lieber mieten als kaufen, über das neue Wohn-Riester-Vorhaben und über Heimatgefühle im Eigenheim.

procontra: Im europäischen Vergleich ist die Wohneigentumsquote in Deutschland sehr niedrig. Woran liegt das?
Interview mit Wolfgang Tiefensee 1/1Wolfgang Tiefensee: Es ist richtig, die Wohneigentumsquote ist in Deutschland mit etwa 43 Prozent deutlich niedriger als in unseren Nachbarländern. Die Ursachen sind vielschichtig. Ein wichtiger Grund ist, dass wir in Deutschland einen stabilen, gut funktionierenden Mietwohnungsmarkt haben.
procontra: Ist der Mietwohnungsmarkt in Deutschland attraktiver als Wohneigentum?
Tiefensee: Das Wohnen zur Miete wird von vielen Bürgern als attraktive Alternative zum Wohnen in den eigenen vier Wänden angesehen. Sie hat auch viele Vorteile – Flexibilität, Mobilität sind die Stichworte. Zur Attraktivität des Mietens haben nicht nur die gut dotierte Förderung des sozialen Mietwohnungsbaus durch Bund und Länder vor allem in der Nachkriegszeit, sondern vor allem auch die guten Rahmenbedingungen im Steuerrecht und im Mietrecht beigetragen. Nach wie vor genießt das selbst genutzte Wohneigentum in Deutschland aber einen sehr hohen Stellenwert in der Bevölkerung. Es ist wichtig, dass es eine echte Wahlfreiheit gibt – kaufen oder mieten. Wir sind daran interessiert, dass beide Wohnformen für alle Bürgerinnen und Bürger attraktiv und wirtschaftlich bleiben. Dabei geht es nicht zuletzt um eine ausgewogene Bewohnerstruktur in den Quartieren.
0308_procontra_interviewtiefensee_03procontra: Also ist alles gut, so wie es ist?
Tiefensee: Wir wollen die Eigentumsquote deutlich erhöhen. Die Politik muss vor allem darauf hinwirken, Hemmnisse zu beseitigen, die bestimmten Bevölkerungsgruppen die Realisierung ihres Wunsches nach Wohneigentum erschweren. Zu den Hemmnissen zählen vor allem die immer noch vergleichsweise hohen Baukosten und Erwerbsnebenkosten für Wohneigentum. Hier haben wir mit der Initiative „Kostengünstig qualitätsvoll Bauen“ gemeinsam mit den wichtigsten Verbänden neue Wege aufgezeigt, wie man bei hoher Qualität deutlich preiswertere Lösungen realisieren kann.
procontra: Werden Sie konkret: Mit welchen Anreizen wollen Sie die Wohneigentumsquote in Deutschland steigern?
Tiefensee: Mit der Föderalismusreform I ist die Aufgabe einer flächendeckenden Wohneigentumsförderung auf die Länder übergegangen. Die bundeseigene KfW-Förderbank leistet mit eigenen wohnungswirtschaftlichen Förderprogrammen gezielte Unterstützung für die Wohneigentumsbildung. Darüber hinaus eröffnen wir mit der besseren Integration des selbst genutzten Wohneigentums in die steuerlich geförderte Altersvorsorge für die Bürger auch neue Optionen der Finanzierung von Wohneigentum. Die gleichberechtigte Einbeziehung dieser von den Bürgern bevorzugt praktizierten Form der Altersvorsorge in die Förderung stellt einen wirkungsvollen Anreiz für die Eigentumsbildung dar, der wichtige Impulse für die Baukonjunktur und einen positiven Beitrag für die Erhöhung der Wohneigentumsquote leisten wird.
0308_procontra_interviewtiefensee_04procontra: Welches sind die Eckpunkte der geplanten Neuregelungen der Fördermöglichkeiten für Wohneigentum im Rahmen der Riester-Systematik, die dann rückwirkend zum 1. Januar gelten soll?
Tiefensee: Die Entnahmemöglichkeit von gefördertem Vermögen für selbst genutztes Wohneigentum wird ausgedehnt und auf Genossenschaftsanteile erweitert. Mit einer neuen Entnahmemöglichkeit bei Renteneintritt können selbst genutzte Wohnimmobilien entschuldet werden. Entgegen den geltenden Riester-Konditionen ist die Rückzahlung des Entnahmebetrages nicht mehr erforderlich. Der Kreis der begünstigten Anlageprodukte wird um Darlehensverträge für die Anschaffung von selbst genutztem Wohneigentum bzw. von Genossenschaftsanteilen erweitert. Dabei können die für die Tilgungsbeiträge gewährten Zulagen vollständig für die Tilgung eingesetzt werden. Neu zugelassene Anbieter nach dem Alterszertifizierungsgesetz (AltZertG) sind die Bausparkassen und Wohnungsgenossenschaften. Die Wohnungsbauprämie wird auf wohnungswirtschaftliche Zwecke beschränkt.
procontra: Wie konkret könnte die nachgelagerte Besteuerung aussehen?
0308_procontra_interviewtiefensee_05Tiefensee: Der Grundgedanke besteht darin, dass die für das Wohneigentum entnommenen Beträge auf einem fiktiven Wohnförderkonto erfasst und verzinst werden und das akkumulierte Guthaben in der Ruhestandsphase dann in der gleichen Weise der Besteuerung unterzogen wird wie andere Riester-Guthaben auch. Es erfolgt also keine Besteuerung des Nutzungswertes der Wohnung. Die Fraktionen haben dabei für die Durchführung nachgelagerter Besteuerung ein einmaliges Wahlrecht vereinbart. Zu Beginn der Auszahlungsphase kann gewählt werden zwischen einer über 25 Jahre verteilten Besteuerung oder einer Einmalbesteuerung des gesamten Wohnförderkontos, wobei dabei ein prozentualer Abschlag auf den zu versteuernden Betrag vorgenommen wird.
procontra: Das selbst genutzte Wohneigentum kann eine Form der Anlage und Altersvorsorge sein. Welche Vorteile beziehungsweise Risiken sehen Sie darin?
0308_procontra_interviewtiefensee_06Tiefensee: Den entscheidenden Vorteil sehe ich in der Wahlfreiheit, wie man seine Altersvorsorge gestalten will. Ein wichtiger Vorteil des Wohnens im Eigentum besteht darin, dass – sofern das Objekt im Alter schuldenfrei ist – keine laufende monatliche Belastung mehr anfällt. Ein vergleichbarer Mieterhaushalt muss dagegen im Alter oft einen beträchtlichen Teil seiner Altersrente für die Miete aufbringen. Und der Eigentümer einer Immobilie hat einen Wert geschaffen, den er – falls notwendig – veräußern kann.
procontra: Was ist, wenn die Wertentwicklung der Immobilie negativ ist? Ist das kein Risiko? Tiefensee: Das in einigen Regionen mögliche Risiko einer negativen Wertentwicklung von Immobilien muss natürlich in die Überlegungen einbezogen werden. Wohneigentum hat aber auch etwas mit Heimat und Ortsbezug zu tun, Werten, die im Alter in der Regel wichtiger werden. Diese Überlegungen machen verständlich, dass Wohneigentum die populärste und wichtigste Form der Altersvorsorge ist. Gegenwärtig wohnen mehr als 60 Prozent der über 60-Jährigen in den eigenen vier Wänden.

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