Neue Zeiten in Afrika
Jahrzehntelang war Afrika die abgehängte Region der Weltwirtschaft. Immer mehr Investmenthäuser nehmen nun den Kontinent in ihre Weltkarten auf. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Es ist die Geschichte von Olukayode Akindele, und es ist die Geschichte eines Kontinents, der aus seiner Lethargie erwacht. Akindele ist 27 Jahre alt und lebte 16 Jahre im Ausland.
Doch seit Januar 2006 ist alles anders. Er lernte Tony Elumelu und Sonnie Ayere von der United Bank for Africa (UBA Group) auf einer Konferenz kennen. „Ich mochte ihren ‚drive‘ und ihre Vision, eine erstklassige Investmentbank zu errichten. Ich fühlte, dass das die richtige Gelegenheit zur Rückkehr in meine Heimat ist“, erklärt Akindele. Er ist nun stellvertretender Vorstandsvorsitzender der UBA Group und verantwortlich für derivative Produkte. Krieg, Hunger, Armut, Umweltkatastrophen, Korruption, Diktaturen, Aids – die Liste der negativen Assoziationen mit dem schwarzen Kontinent ist lang. Doch es weht ein Wind des Aufbruchs durch einige Teile des Kontinents. „Viele Nigerianer und fortschrittliche Afrikaner fühlen, dass das Afrikas beste Chance ist, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und ihre Länder voranzubringen“, erklärt der junge Nigerianer. „Es ist Zeit für eine afrikanische Renaissance.“ Akindele hat über viele Jahre die Entwicklungen in seinem Land aus der Ferne aufmerksam verfolgt. In den 90er Jahren herrschte noch wirtschaftlicher Trübsinn, seit 2000 gehen die wirtschaftlichen Verbesserungen rasant voran. Seit acht Jahren existiert eine funktionsfähige Demokratie in Nigeria. Auch in ehemals krisengeschüttelten westafrikanischen Ländern wie Sierra Leone oder Liberia haben sich mittlerweile demokratische Regierungen etabliert. Auch Davut Deletioglu vom Schwellenländerspezialisten Charlemagne Capital sieht zumindest in einigen Ländern Afrikas Erfolgsstorys: „In Ländern wie Kenia, Nigeria und Ghana haben in den vergangenen Jahren Reformprozesse politischer und wirtschaftlicher Art begonnen, die man sich vor zehn oder zwölf Jahren noch nicht hätte vorstellen können.“ Eindämmung der Korruption, Konsumboom, verbesserte Durchsetzbarkeit von Verträgen, Wirtschaftsreformen, Privatisierungen der kränkelnden Staatsbetriebe, so lauten die positiven Nachrichten. Auch die westliche Meinung zu Afrika ändert sich. „Menschen kommen nicht nur hierhin, wenn wieder eine Hungersnot oder ein weiterer Krieg ausgebrochen ist“, freut sich Akindele.
Afrikas Reichtum. Afrikas größter Reichtum sind seine Rohstoffe. So ist Südafrika der weltweit größte Exporteur von Platin und verfügt zudem über große Goldvorkommen. Der gesamte Kontinent ist bereits jetzt der größte ÖlExporteur für die USA. Längst ist ein Zweikampf zwischen den USA und China um die Rohstoffe in Afrika entbrannt. China scheint diesen Kampf bereits für sich entschieden zu haben (Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Steffen Dyck von Deutsche Bank Research) und ist der Wachstumstreiber Afrikas. Das afrikanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst seit 2002 mit rund fünf Prozent pro Jahr schneller als das WeltBIP. Afrika hat einen riesigen Nachholprozess vor sich. Auf dem Kontinent leben drei Mal so viele Menschen wie in Osteuropa. Das afrikanische BIP macht aber nur ein Drittel des osteuropäischen BIP aus. Laut einer Studie von Merrill Lynch haben sich die Direktinvestitionen nach Afrika in den vergangenen sechs Jahren vervierfacht. Von Rohstoffpreisen auf Höchstständen profi tiert der Kontinent. „Früher landeten die Gewinne zum großen Teil auf schweizerischen Konten der jeweiligen Despoten oder derer Familienmitglieder oder korrupter westlicher Gesellschaften. Nicht, dass es das heute nicht mehr gibt, aber es hat ein Lernprozess begonnen, der die Korruption bekämpft, wenn auch zunächst auf niedrigem Niveau, aber wichtig ist, dass ein Umdenken statt fi ndet“, stellt Deletioglu fest. Öl ist dabei längst nicht mehr allein der Treiber für Wachstum. Nach einer Studie des internationalen Währungsfonds wuchs Afrikas Wirtschaft 2006 ohne den ÖlSektor sogar schneller als mit (5 Prozent gegenüber 4,8 Prozent). Vor allem auch die Branchen Finanzdienstleistung, Telekommunikation und Konsumgüter tragen einen großen Teil zum Wachstum bei.
Afrikas 7. Afrika umfasst 53 Länder. Nicht alle haben bereits den Sprung zur Anlageregion geschafft. Charlemagne ließ es sich nicht nehmen, den ersten reinen AfrikaFonds auf den deutschen Markt zu bringen. Aus ihrem seit Januar 2006 existierenden Publikumsfonds Magna EMEA (EMEA steht für Emerging Europa, Middle East and Africa) wurde am 23. März 2007 der Spezialfonds TKP EMEA Fonds. TKP ist ein institutioneller CharlemagneKunde aus den Niederlanden. „Gleichzeitig ‚brüteten‘ wir intern über einen reinen Afrikafonds, weil Kunden wie die Landesbank Berlin an uns so eine Frage herangetragen hatten“, erklärt Deletioglu. Ende März dieses Jahres gab es dann den Startschuss für den Magna Africa. Für den reinen Afrikafonds wurde die Ländergruppe Afrika 7 (Südafrika, Ägypten, Nigeria, Kenia, Botswana, Ghana und Marokko) identifiziert. Alle diese Länder erfüllen die Kriterien wie politische Stabilität, nachhaltiger wirtschaftlicher Aufschwung, frei zugängliche Börsen sowie eine Marktkapitalisierung der jeweiligen Gesellschaften an den lokalen Börsen von mindestens 100 Millionen USDollar. Zudem beobachtet Charlemagne auch die Börsen in Sambia und der Elfenbeinküste. Sehr aktiv ist das Fondsmanagement auch bei so genannten „Off Shore“Aktien. Das sind afrikanische Unternehmen, die in London, Tokio oder New York notiert sind. Das Unternehmen hat so 200 Gesellschaften identifiziert. Im August des Jahres wollte auch Fidelity dem aufkommenden AfrikaTrend nicht nachstehen und brachte – zwar keinen reinen Afrikafonds – aber einen EMEAFonds auf den Markt. „Die EMEARegion ist unglaublich spannend, denn in ihr liegen die letzten unentdeckten Investmentregionen der Welt“, sagt Nick Price, Fondsmanager des Fidelity EMEA Fund. Neben den Bodenschätzen, manche wie Platin oder Chrom kommen nur in dieser Region vor, sprechen die junge, schnell wachsende Bevölkerung und deren Konsumbedürfnisse für die Region. Zudem sind die Arbeitskosten gering und sichern einen internationalen Wettbewerbsvorteil. „Das Zusammenspiel mit den aufstrebenden Wirtschaftsmächten China und Indien stellt für beide Seiten ein profitables Geschäft dar: Die preiswert produzierten Güter aus China und Indien treffen in der EMEARegion auf eine große Nachfrage, während China und Indien vom Rohstoffangebot der EMEARegion profitieren”, so Nick Price. Von reinen AfrikaFonds hält Fidelity nichts. Außer Südafrika existierten kaum relevante Börsenplätze. „Der Markt wäre für einen einzelnen Fonds zu eng. Schon das Investmentuniversum der gesamte EMEARegion hat nur eine Börsenkapitalisierung von 1.600 Milliarden USDollar und ist damit vergleichsweise klein“, erläutert Price. Europa kommt beispielsweise auf rund 15.000 und die USA sogar auf 20.000 Milliarden USDollar Börsenkapitalisierung. Charlemagne sieht sich hingegen mit seiner Strategie auf der richtigen Seite. „Immer mehr Afrikafonds kommen auf den Markt. Noch nicht in Deutschland, aber in Großbritannien, Niederlande oder Skandinavien. Das bestärkt uns in unserer Meinung, dass das eine langfristige Erfolgsstory darstellt“, betont Deletioglu.
Afrika – Rivalität um die Vorherrschafft. „Ich denke, es ist natürlich, dass ein Wettstreit zwischen Südafrika und Nigeria entsteht“, sagt der Nigerianer Akindele. Südafrika ist ein ökonomisches Zugpferd des Kontinents. Nigeria ist hingegen mit knapp 140 Millionen Einwohner das bevölkerungsstärkste Land in Afrika. Insgesamt leben nach einer Erhebung der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung 944 Millionen Menschen in Afrika (Stand Mitte 2007). Nigeria hat zudem insbesondere durch verschiedene Friedensmissionen eine politische Führungsrolle auf den Kontinent eingenommen. Akindele moniert: „Nigerianer werden in Südafrika nicht wirklich gemocht und vieler Übel bezichtigt. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund des nigerianischen Engagement und der nigerianischen Opfer beim Kampf gegen die Apartheid in Südafrika sehr schade.“ Im Gegenzug sind viele Nigerianer über die Dominanz südafrikanischer Firmen in Nigeria besorgt. Für Führungspositionen in diesen Unternehmen werden oftmals auch nur Südafrikaner rekrutiert. Zudem widersetzen sich viele südafrikanische Unternehmen der Listung am nigerianischen Aktienmarkt. „Südafrika und Nigeria rivalisieren um einen möglichen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat für einen Vertreter Afrikas“, ergänzt Akindele. Niria nimmt tatsächlich eine Sonderstellung ein. Das Land ist das erste Land südlich der Sahara, welches bald schuldenfrei sein wird. Auch Jim O´Neill, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, hat Nigeria bereits vor Jahren in seine Next-11-Liste aufgenommen. Welche Bedeutung seine Liste und Kürzel erlangen können, ist am Beispiel der BRIC-Wellen zu sehen. Wirtschaftlich führend auf dem Kontinent ist aber immer noch Südafrika. Nach der Apartheid hat das Land durchschnittliche jährliche Wachstumsraten von 3-4 Prozent aufzuweisen. Es ist eine neue, schwarze Mittelschicht im Entstehen, die sich im Konsum gegenüber der westlichen Welt nicht unterscheidet. Sicherlich ist in Südafrika nicht alles bestens, doch Nigeria hat im Vergleich gravierendere Probleme: Analphabetismus, hohe Arbeitslosigkeit, kriegerische Auseinandersetzungen, Hunger und Elend sind immer noch Teil Nigerias Realität. Das Land hat 46 Milliarden US-Dollar seiner Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft in Devisenreserven gesteckt. „Wie erklärt man der nigerianischen Bevölkerung vor diesem Hintergrund, dass es keine Elektrizität, keine Arbeitsplätze, nicht genug Lebensmittel, keine geeigneten Wohnungen und keine ädaquaten Schulen für die Kinder gibt“, fragt Akindele. Die nigerianische Regierung unter Yar‘Adua muss nun dafür sorgen, dass die Bevölkerung die positiven Entwicklungen des Landes deutlicher zu spüren bekommt. „Sonst bekommen wir ernsthafte soziale Probleme“, warnt das Vorstandsmitglied der UBA Group. Das Land hat großen Bedarf bei Investitionen in den Bereichen Transport, Gesundheitswesen, Energieversorgung und Bildung.
Afrikas Zukunft. Es gibt in Afrika noch viel zu tun. „Natürlich ist der afrikanische Kontinent nach wie vor von vielfältigen militärischen und politischen Konflikten geprägt“, bemerkt Nick Price von Fidelity. Doch es keimt Hoffnung in vielen Bereichen, gerade auch in wirtschaftlicher Hinsicht. „Wir warten nicht länger auf westliche Almosen in Form von Entwicklungshilfe. Wir sollten mehr Verantwortung übernehmen und unsere Entwicklung vorantreiben“, betont Akindele, und dabei hofft der Nigerianer auf Nachahmer. Auf Menschen, die ihre im Ausland erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse einsetzen, um das eigene Land aufzubauen. So wie Olukayode Akindele.
Lesen Sie dazu auch das Interview mit
