Zieh, Drachen, zieh!

 

Ein einfacher Zugdrachenantrieb könnte die Schifffahrt revolutionieren. Stefan ist 15 Jahre alt und lässt seinen Lenkdrachen am Strand fliegen. Als ihn sein Drachen mit Höchstgeschwindigkeit durch den Sand zieht, wird eine Idee geboren. „Ich fragte mich, wie man diese enorme Kraft noch nutzen könnte“, so Stefan Wrage heute. So fängt sie, an die Geschichte vom Zugdrachen, der die Schifffahrt revolutionieren soll.

Fast 20 Jahre später ist Wrage am Ziel. Die Bremer Reederei Beluga Shipping ist der erste Käufer eines solchen Zugdrachen von Stefan Wrages Firma SkySails. Beim Mehrzweckfrachter MS „Beluga SkySails“ dient ein Zugdrachen als Zusatzantrieb. Das Prinzip ist einfach. Wind ist billiger als Öl und auf hoher See die kostengünstigste Energiequelle. In der modernen Schifffahrt spielt jedoch Segelantrieb bisher keine Rolle, denn die Segelsysteme werden den Anforderungen nicht gerecht. SkySails soll das nun ändern. Das SkySails-System besteht aus drei Komponenten. Einem Zugdrachen mit Seil, einem Start- und Ladesystem sowie einem Steuerungssystem für den vollautomatischen Betrieb. Der Zugdrachen ähnelt in seiner Form einem Gleitschirm und kann derzeit eine Fläche von bis zu 500 m² haben. Der Drachen befindet sich 100 bis 300 Meter über dem Schiff. Dort herrschen die stärkeren und stetigeren Winde. Das Start- und Landesystem übernimmt das automatische Ausbringen und Einholen des Zugdrachens. Der SkySails-Antrieb wird zur Entlastung der Hauptmaschine eingesetzt.

Klimawandeldiskussion in der Schifffahrt. Die weltweite Schiffsflotte emittiert etwa soviel Stickoxide wie die USA und verursacht wegen des besonders schwefelhaltigen Schweröls mehr als 7 Prozent der weltweiten Schwefeldioxid-Emissionen. Die Schifffahrt verbraucht jährlich 200 bis 250 Millionen Tonnen Öl und produziert 600 bis 800 Millionen Tonnen CO2. Sie trägt damit doppelt so viel zum Klimawandel bei wie der Luftverkehr. Mit der konsequenten Nutzung von Windenergie in der Schifffahrt könnten jährlich über 146 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, das entspricht etwa 15 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes Deutschlands und 1 bis 2 Prozent der globalen Menge. Abhängig von Windverhältnissen kann mit SkySails zwischen 10 und 35 Prozent Treibstoff gespart werden, bei optimalen Bedingungen sind sogar 50 Prozent Ersparnis drin. Bei einem kleinen Frachtschiff mit einer Länge von 87 Metern sind dies jährliche Einsparungen von ca. 280.000 Euro. Die SkySails-Technik klingt überzeugend, dennoch ist Wrage einen langen Weg gegangen. Kritiker bemängelten, dass die gewaltigen Kräfte nicht handbar seien, Probleme bei Blitzschlag aufträten, der Antrieb bei Wind von vorne nicht eingesetzt werden könne und zudem der enge Zeitplan der Reedereien kein Verlassen auf den Wind zulasse. Die Bedenken sind unbegründet, urteilt Wrage. „Bei Blitzschlag ist ein Einsatz nicht vorgesehen“, sagt der Ingenieur. Außerdem handele es sich um einen Zusatzantrieb, so dass die Hauptmaschine bei ungenügenden Windverhältnissen immer noch zur Verfügung stünde. Allerdings wird sich erst auf der „Beluga SkySails“ zeigen, ob das Material auf Schiffen, die rund 280 Tage im Jahr Wind, Wellen, starken Vibrationen und hochkorrosiver salziger Seeluft ausgesetzt sind, hält. SkySails erwartet selbst, dass zwei Drachen pro Jahr und Schiff verschlissen werden, die aber in allen Häfen der Welt rasch ersetzt werden können.

Zieh, Drachen, zieh! 1/1Viel Geduld ist gefragt. Klinkenputzen war angesagt, um die Finanzierung seines Projekts zu stemmen. SkySails wurde 2001 gegründet. „Zu Beginn war es schwer, eine Finanzierung zu bekommen“, sagt der 35- jährige Wirtschaftsingenieur. „Nachdem je – doch im Jahr 2003 der renommierte Schiffsfinanzierer Oltmann Gruppe aus Leer exklusiver Finanzierungspartner von SkySails geworden war und erste Testergebnisse aus der Entwicklung vorlagen, gewann SkySails deutlich an Glaubwürdigkeit“, so Wrage. Oltmann aus Leer, ein Emissionshaus, das nicht jeder kennt. Kein Wunder: Die Oltmänner treten in der Öffentlichkeit nicht groß in Erscheinung. Sie geben keinen Cent für Werbung aus. Und dennoch sind die Initiatoren aus Leer äußerst erfolgreich. Anhand des Investitionsvolumens 2006 belegt Oltmann mit 306,25 Millionen Euro im Ranking aller Emissionshäuser immerhin Platz 24. Innerhalb des Segmentes Schiffe sind die Ostfriesen sogar unter den Top Five und sammelten im vergangenen Jahr 105,99 Millionen Eigenkapital (Investitionsvolumen: 296,22 Millionen Euro) ein. Zum Vergleich: Marktführer MPC hatte 2006 ein platziertes Eigenkapital von 833,70 Millionen (Investitionsvolumen knapp 2 Milliarden Euro). Allerdings beschäftigen die Hamburger, die in allen Segmenten vertreten sind, 277 Mitarbeiter. Oltmann hingegen hat 5 Mitarbeiter. Die Schaltzentrale in Leer ist ein Vierzimmer- Büro. Das Unternehmen hat auch keine Vertriebsarmada wie andere Branchenteilnehmer, sondern 20 exklusive Vertriebspartner und lebt ausschließlich davon, dass man es weiterempfiehlt. Zudem arbeitet Oltmann nicht wie sonst üblich mit Wirtschaftsprüfern zusammen. Dies ist keine gesetzliche Pflicht. Renommee bei und Vertrauen der Anleger ist alles bei den Ostfriesen. Bei diesen Norddeutschen ist Wrage bei der Suche nach Geldgebern fündig geworden. Bei einem ersten Treffen bohrte André Tonn, Geschäftsführer der Oltmann Gruppe, Stefan Wrage von SkySails mit sehr detaillierten Fragen. Das zweite Treffen fand in der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt statt, wo SkySails einen Versuch im Testtank übernahm. „André Tonn ließ es sich nicht nehmen, die Versuche in der nur 2 Grad warmen Halle persönlich über Stunden hinweg zu beobachten. Trotz des reichlich vorhandenen heißen Kaffees froren wir gehörig“, erinnert sich Stefan Wrage. André Tonn hielt viel von der SkySails-Technik. „Stefan Wrage hat mich sowohl als Person als auch mit seiner Idee sofort überzeugt. SkySails hat eine Technologie entwickelt, die die Welt verändern kann. Firmengründer Jan Luiken Oltmann hat die Entscheidung für SkySails übrigens noch mitgetroffen“, erklärt der Geschäftsführer der Oltmann Gruppe.

Pioniere aus Ostfriesland. Die Ostfriesen übernehmen mit ihrer Beteiligung MS „Beluga SkySails“ eine Vorreiterrolle. Die internationalen Vorschriften für die Schifffahrt in Bezug auf klimaschädliche Gase haben sich extrem verschärft. „Ganz aktuell hat zum Beispiel Norwegen eine Art ,Schwefelsteuer‘ eingeführt, die den Reedern teuer zu stehen kommt“, bemerkt Tonn. Die EU erwägt mittlerweile sogar einen Alleingang beim Klimaschutz zu See, weil ihr die Vorschriften der UN-Seeschifffahrtsorganisation IMO (MARPOL 73/78, Annex VI) nicht weit genug gehen. Zudem steigt der Ölpreis. Die Treibstoffkosten sind ein Großteil der Betriebskosten eines Schiffes. „Uns bestärkt das alles nur in unserer Ansicht, bei SkySails den richtigen Riecher gehabt zu haben“, so Tonn weiter. Der Zugdrachenantrieb soll sich auch für die Anleger lohnen. Deshalb wurde zwischen Charterer/Reeder, bei MS „Beluga SkySails“ ist es mit Beluga Shipping dasselbe Unternehmen, und dem Anleger ein ganz spezielles Profit-Sharing vereinbart. Treibstoffkosten sind normalerweise Sache des Charterers. Doch im Falle des „Beluga SkySails“-Fonds möchte Oltmann durch die eingesparten Treibstoffkosten den Anlegern 1 Prozent mehr Ausschüttung ermöglichen. „Alles, was darüber hinaus geht, wird zwischen Charterer/Reeder und dem Anleger geteilt“, ergänzt Tonn. „Möglicherweise muss das vereinbarte Profit-Sharing aber nach Ablauf der Erstcharter neu verhandelt werden“, gibt Stephanie Bredick von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Todt & Partner zu bedenken. Die Beteiligung hat eine Laufzeit von 14,5 Jahren, die Anfangsausschüttung beträgt 7 Prozent p. a. plus die besagten 1 Prozent aus Einsparungen durch das SkySails-System. Anleger können sich mit 25.000 Euro beteiligen. Der Fonds erhebt kein Agio und niedrige Nebenkosten, da kein Treuhänder fungiert. Stefan Wrage hat weiterhin hohe Ziele. Bis Ende 2008 plant SkySails, Zugdrachen mit bis zu 640 m² anzubieten. Bis zum Jahre 2015 will das Unternehmen ca. 1.500 Schiffe mit dem SkySails-Zusatzantrieb ausrüsten. Die Geschichte von dem Jungen, der einst durch den Sand geschliffen wurde, geht also weiter.

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