„Die Fähigkeiten der öffentlichen Hand betrachten“
Der „Fast-Kanzler“ Rudolf Scharping gilt als gescheit, dennoch hat sich in der großen Politik kein Erfolg eingestellt. Auch im Ehrenamt als Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) hat er sich nicht sonderlich mit Ruhm bekleckert. procontra hat ihn getroffen – und siehe da: Als Unternehmer und China-Fan macht er beinahe unbemerkt in Public Private Partnership.
procontra: Herr Scharping, Berater für PPP-Projekte klingt nach einer lohnenswerten Angelegenheit für einen Ex-Politiker? Schließlich enthält Ihre Visitenkarte auch den Zusatz Bundesverteidigungsminister a. D.
Rudolf Scharping: Es geht aber um etwas anderes, nämlich um Erfahrungen – auch aus einer Zeit, in der man das Wort PPP noch gar nicht kannte. Als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Anfang der neunziger Jahre, später als Bundesminister der Verteidigung und in der Zwischenzeit auch in parlamentarischen Funktionen war die enge Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Sektor und privater Wirtschaft so etwas wie ein „roter Faden“. Ich denke nämlich, dass der steuerzahlende Bürger Anspruch hat auf bestmögliche Erledigung der öffentlichen Aufgaben. Deshalb wollte ich ein eigenes Unternehmen aufbauen und mich nicht auf Verwaltungsräte, Beiräte oder anderes konzentrieren. Mir schien die Herausforderung mit dem eigenen Unternehmen spannender.
procontra: Was genau ist Ihr Geschäftsmodell?
Scharping: Wir sind eine Strategieberatung mit zwei Schwerpunkten. In Deutschland helfen wir Firmen, sich im bürokratischen, regulatorischen oder institutionellen Dschungel zurechtzufinden. Das reicht vom Patentinhaber bis zum internationalen Unternehmen oder Private Equity. Zweitens beraten wir deutsche Firmen, die ins Ausland gehen wollen, hier liegt der Schwerpunkt auf China. Umgekehrt unterstützen wir auch chinesische Firmen, wenn Sie Interessen für den deutschen oder europäischen Markt haben.
procontra: Sie haben China gerade angesprochen. Was sind genau die Gründe für China?
Scharping: Ich habe seit über 20 Jahren sehr gute Verbindungen nach China. Man kennt dann viele in der Politik, in Unternehmen oder einzelne Persönlichkeiten. Wir schauen, wie wir deutsche Firmen mit diesen Kontakten unterstützen und beraten können.
procontra: Wollen Sie auch selbst Fonds emittieren?
Scharping: Im Zusammenhang mit PPP? Nein. Wir sind eine Strategieberatung, nicht etwa ein Emittent. Da gibt es genug Spezialisten. Allerdings investieren diese Fonds nicht bzw. nur im geringen Umfang in Deutschland, weil die Entwicklung von Infrastrukturfonds oder anderen Fonds im Umfeld öffentlich-privater Partnerschaften leider noch unterentwickelt ist. Das hat auch mit mentalen Barrieren zu tun hat. Das führt zu einem kuriosen Ergebnis: Gelder deutscher Anleger fließen in die Modernisierung der Infrastruktur anderer Länder, was ja prinzipiell in einem europäischen oder globalen Zusammenhang nicht schlecht ist. Das Geld könnte die deutsche Infrastruktur aber auch gut gebrauchen. Stattdessen reduziert sich das Steueraufkommen in Deutschland.
procontra: Wie läuft eigentlich die Umsatzgenerierung bei Ihren Beratungsleistungen ab?
Scharping: Wer will, kennt uns und findet uns auch. Im Bereich PPP bieten wir Werkstätten an, Fachgespräche und konzipieren Konferenzen mit. Vertreter fast aller Landesregierungen sprechen bei uns, ebenso viele Vertreter der kommunalen Praxis. Wir vermitteln dabei Informationen, Beispiele und Sachverstand. Sie sehen das auch auf „PPP Kompakt“ im „Behördenspiegel“. In einzelnen Fällen beraten wir auch.
procontra: Das heißt, wenn ein PPP-Projekt zu Stande kommt, dann fließen Gelder und sonst nicht?
Scharping: Das ist Gegenstand von konkreten Gesprächen mit Partnern und Kunden.
procontra: Nach aktuellen Angaben des zuständigen Bundesministeriums für Städtebau und Wohnungswesen existieren in der Bundesrepublik etwa 400 PPP-Projekte mit einem Volumen von 7 Milliarden Euro. Wagen Sie eine Prognose: Wie wird es in 5 Jahren aussehen?
Scharping: Nach den Zahlen des deutschen Instituts für Urbanistik haben wir allein im kommunalen Sektor einen Rückstau der Investitionen von über 700 Milliarden Euro. Ich warne aber davor, alleine die Finanznot zur Mutter aller Reformen, zur Mutter aller PPP zu erklären. Lebenszyklen, langfristige wirtschaftliche Effekte sowie die Fähigkeiten der öffentlichen Hand sollten auch betrachtet werden. Es existiert ein klar erklärter politischer Wille in der Bundesregierung. Allerdings sind gesetzgeberische und mentale Barrieren zwischen öffentlichen Sektor und Privatwirtschaft noch nicht komplett aus dem Weg geräumt. Trotzdem wage ich die Prognose, dass der Anteil von PPP an der öffentlichen Investitionstätigkeit von derzeit knapp 5 Prozent sich in den nächsten fünf Jahren spürbar erhöhen wird.
procontra: In Ihren Vorträgen betonen Sie immer wieder die weichen Faktoren von PPP. Diese kommen Ihrer Meinung nach völlig zu kurz. Warum?
Scharping: Es gibt eine interessante Studie der Universität Darmstadt, die anhand des PPP-Modells der Schulen im Landkreis Offenbach untersucht hat, wie sich die Modernisierung auf Motivation der Lehrkräfte, Lernbereitschaft und Motivation der Schüler und dergleichen auswirkt. Es konnten bemerkenswerte Verbesserungen festgestellt werden. Hinzu kommt die Tatsache, dass das Vandalismus-Risiko deutlich geringer ist. Das können Sie am Ende in Euro und Cent umrechnen. Volkswirtschaftlich betrachtet müssen wir ein Interesse daran haben, dass mehr in Bildung investiert wird. Das bedeutet nicht nur Investitionen in Schulgebäude, sondern auch Investitionen in Lernbereitschaft, Motivation und Lernerfolg. Die Ergebnisse der Studie sind ein ermutigendes Signal, dass sich die weichen Faktoren auch in einer hart gerechneten Bilanz positiv niederschlagen.
procontra: Deutsche Anleger gelten als sicherheitsorientiert, dennoch spielt die Rendite nicht eine ganz unwichtige Rolle. Glauben Sie, dass weiche Faktoren als Argumentationshilfe für Investoren wirken können?
Scharping: Anleger sind ja nicht so kurzsichtig und schauen nicht nur auf eine kurzfristige und möglichst hohe Rendite. Das sind keine Anleger, sondern Zocker. Langfristig interessierte Anleger wollen diversifizieren und diese werden immer auch gute Anlagemöglichkeiten im Bereich PPP suchen. Da diese Investments einen stabilen Cashflow garantieren können. Im Vergleich zu Hochrisikoanlagen ergeben sich niedrigere Renditen, dafür bringen sie Stabilität in ein gut diversifiziertes Portfolio. Wichtiger ist: Der öffentliche Sektor behält seine Aufgaben, erledigt sie aber wirtschaftlicher und zukunftsträchtiger.
