Wasser ist alles

 

Mitte August fand bereits zum 17. Mal die Welt-Wasser-Woche in Stockholm statt. Experten diskutierten über die größten Herausforderungen der Zukunft. Eines wurde unter anderem klar: Mit Wasser fließt ein langfristiges Investmentthema auf die Branche zu. Unscheinbar, unterschätzt, unentbehrlich. Weltweit sterben 6.000 Kinder jeden Tag. Das sind täglich 200 durchschnittliche Schulklassen. Der Grund: Sie haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

In Mali ist eine Frau sechs Stunden mit einem Tonkrug auf ihrem Kopf unterwegs, um Trinkwasser aus einem Brunnen zu besorgen, welches qualitativ den westlichen Ansprüchen nicht im Geringsten entspricht. Gemessen an diesen dramatischen Fakten erfährt Wasser als Rohstoff noch recht wenig Aufmerksamkeit. Zu Unrecht, denn im Gegensatz zu Rohöl, Erdgas oder Gold ist Wasser der einzige Rohstoff, der für das Überleben der Menschheit wirklich unverzichtbar ist. Und auch wenn rund drei Viertel der Welt von Wasser bedeckt sind, ist Wasser zudem der knappste aller Rohstoffe. Denn für die Trinkwassernutzung kommen nur rund 0,6 Prozent davon in Frage. Das ist ungefähr so, als würde man aus einer gefüllten Badewanne den Stöpsel ziehen und lediglich knapp einen Liter zurückbehalten. Mit den globalen Klimaveränderungen, der steigenden Weltbevölkerung und dem zunehmenden Wasserbedarf ist der Nachfrageüberschuss nach Wasser absehbar. Die UNESCO geht in ihren Schätzungen davon aus, dass der Bedarf in 50 Jahren um gut ein Fünftel höher sein wird als heute. Die Investmentbranche hat bereits reagiert und das Blut der Erde längst zum blauen Gold erhoben. Wasser ist alles 1/5Wasser-Zertifikate gibt es bereits gut ein Dutzend. Die erzielten Ergebnisse seit Jahresbeginn gehen jedoch weit auseinander. Konnte das Vermögen mit dem Papier von Sal. Oppenheim um rund 22 Prozent steigen, fuhr man mit der UBS-Variante einen Verlust von 4,5 Prozent ein. Anleger sollten sich bei der Auswahl über den abgebildeten Index sowie die Gewichtung der Einzelwerte informieren. Im Fondsbereich sieht das Angebot noch dünn aus. In 2000 waren der KBC Eco Water Fund und der PF Water von Pictet & Cie. die Wasserfonds-Pioniere und erzielten seitdem Renditen von 30,9 Prozent bzw. 53,6 Prozent. Ein Jahr später startete der SAM Sustainable Water Fund und erzielte bis heute eine Gesamtperformance von knapp 75 Prozent. Reine Wasserfonds sind zwar noch selten, dennoch deuten die Anzeichen auf ein neues langfristiges Investmentthema hin. „Die Nachfrage wächst und wir wissen von einigen Mitbewerbern, dass sie weitere Wasserfonds auflegen wollen“, sieht sich Alva DeVoy, verantwortliche Managerin für den KBC Eco Water Fund, in Zukunft einem verstärkten Wettbewerb ausgesetzt. Unter anderem durch den für September geplanten Equity Water Invest von Swisscanto. Volumenstarke Wasserfonds wie der PF Water oder der SAM Sustainable Fund erfreuen sich enormer Mittelzuflüsse. „Bei einem Volumen von 4,5 Milliarden Wasser ist alles 2/5Euro haben wir den Fonds wegen Erfolg geschlossen“, erklärt Vanyo Walter, Leiter von Pictet Funds Deutschland. Weitere Zuflüsse hätten den Investmentprozess „verwässert, deshalb wurden sie auf 500.000 Euro pro Kunde je Tag limitiert“, so Walter weiter. Doch auf die Branche warten schon die nächsten Milliarden. Der Prognose der Weltbank nach wird die weltweite Wasserwirtschaft rund 800 Milliarden US-Dollar pro Jahr benötigen. Für Volker Weber von Swisscanto liegen die Investmentchancen vor allem in den Bereichen: Wasser- und Abwasserversorgung (Verteilung und Management), Infrastruktur (Modernisierung und Aufbau von Leitungssystemen), Wasser- und Abwasserreinigung (z. B. Entsalzung) sowie Wasserdienstleistungen (Wasseranalyse, Projektmanagement). Wasser ist ein knappes Gut. Erstrebenswert sind daher der effizientere Umgang sowie die Forschung nach innovativen Systemen für die Wasserversorgung und -gewinnung. Der Stellenwert von Wasser könnte den des Rohöls bald übertreffen. Um Ölquellen werden bereits Kriege geführt. Wenn über 1,4 Milliarden Menschen, Tendenz steigend, der Zugang zum einzig lebensnotwendigen Rohstoff verwehrt bleibt, wirken die Zukunftsszenarien, dass es um Wasser ähnliche kriegerische Auseinandersetzungen geben wird, nicht so unrealistisch.

Wasser ist alles 3/5Veraltet, verrottet, versickert. Wenn ein poröser Benzinschlauch dafür sorgt, dass Kraftstoff ungenutzt austritt und somit den Spritverbrauch verdoppelt, muss eine neue Leitung her. Sorgt eine defekte Wasserleitung dafür, dass die Hälfte des Wassers, welches durch sie fließt, im Boden versickert, sollte auch reagiert werden. Wasser als Zukunftsmarkt betrifft vor allem die Maßnahmen, die im Bereich der Wasser-Infrastruktur notwendig sind. Entwicklungsländer und Industrienationen sind davon gleichermaßen betroffen. In China oder weiten Teilen Afrikas ist ein Leitungssystem, wenn überhaupt, nur unzureichend vorhanden. In westlichen Regionen sind die Systeme dagegen stark veraltet. So zum Beispiel in New York, wo das Wasser teilweise noch durch Bambusleitungen fließt. Der Big Apple fault unten rum. Täglich werden Wasserrohrbrüche registriert. Die Explosion einer Dampfleitung Mitte Juli diesen Jahres ist ein weiteres Indiz für das total veraltete Leitungsnetz. Die Folge: Bis zu einem Fünftel des Trinkwassers tropft ungenutzt durch Lecks in den Leitungen. Jedes Jahr versickern so rund 800 Millionen US-Dollar. In Entwicklungsländern ist die Verlustquote noch höher und liegt bei bis zu 60 Prozent. Um der immer stärker tropfenden Verschwendung Herr zu werden, sind Investitionen nötig, die einen Milliardenmarkt eröffnen. „Allein in den USA werden für die Instandsetzung der Wasserinfrastruktur zwischen 270 und 420 Milliarden US-Dollar benötigt“, beziffert Dr. Daniel Wild, Equity Analyst der SAM Group, den Kapitalbedarf. Die Situation in Deutschland sieht er ähnlich gefährdet: „Trotz umfangreicher Sanierungen nach der Wende sind die neuen Bundesländer noch immer am stärksten von Wasserverlusten betroffen.“ „Ich kenne in Indien und China keine Stadt, in der die Verlustraten unter 20 Prozent betragen“, bestätigt auch Dr. Michael Beckereit, Sprecher der Geschäftsführung von Hamburg Wasser, den weltweiten Handlungsbedarf im Bereich der Wasser- Infrastruktur (siehe auch Interview mit Herrn Dr. Beckereit von der Hamburger Wasserwerke GmbH). Das Flicken und Erneuern ist kostspielig. In Zukunft werden Firmen, die mit innovativen Methoden die Lebensdauer der Wasser-Infrastruktur verlängern, das Interesse der Investoren wecken. Aber nicht nur der Reparaturbedarf untermauert die Attraktivität dieses Bereichs der Wasserwirtschaft. In weniger als zehn Jahren wird es 36 so genannter Megacitys (Städte mit über 8 Millionen Einwohnern) geben. In diesen Ballungszentren stellt sich die Wasserversorgung zunehmend schwieriger dar. Das Grundwasser im Umland reicht zur Versorgung nicht mehr aus. Solange die Abwassersysteme nicht modernisiert werden, bleibt das Grundwasser unter der Stadt unbrauchbar. Folglich muss es aus immer größeren Entfernungen zu immer höheren Kosten bezogen werden. Die Wasserversorgung und -entsorgung liegt zu rund 90 Prozent in öffentlicher Hand. Für sie sind die anfallenden Kosten nicht tragbar. Befürworter der Liberalisierung und Privatisierung des Wassers, unter anderem die Weltbank und der internationale Währungsfonds, versprechen sich eine effizientere Nutzung des Wassers einerseits und genügend Kapital für die Modernisierung des Leitungssystems andererseits. Kritiker befürchten hingegen empfindliche Preisanstiege und Qualitätseinbußen, da Unternehmen ihrer Natur nach auf Gewinnmaximierung aus sind. Dr. Daniel Wild sieht zwischen Gewinnmaximierung und Wasserqualität keinen direkten Zusammenhang: „Bei privaten Wasserversorgern wird der Leistungsauftrag im Vertragswerk genau definiert. Neben Qualität und Quantität könnte so auch der zulässige Gewinn festgelegt werden.“ Seiner Ansicht nach vernachlässigen die Kritiker einer Privatisierung, dass der Zugang zu Kapital für die staatlichen Institutionen gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern durch das schlechte Kredit-Rating deutlich teurer sein kann, als der vereinbarte Gewinn eines privaten Betreibers.

Wasser ist alles 4/5Schmutzig, schädlich, salzig. Erbrechen, Atemversagen, Tod – so oder so ähnlich sehen die Folgen von verschmutztem Trinkwasser in eben solchen Schwellenländern aus. Ganz aktuell dringen aus China wieder derartig schlechte Nachrichten durch. In der nordostchinesischen Millionenstadt Changchun hat sich eine blaugrüne giftige Algenart explosionsartig vermehrt. Sieben Millionen Menschen holen Wasser zum Kochen, Waschen und Trinken beim Wasserhändler. Die schlechten Nachrichten von Changchun sind nur eine von vielen aus dem von Umweltschäden krisengeschüttelten China. „In China leben rund 20 Prozent der Weltbevölkerung und das Land verfügt nur über 7 Prozent der globalen erneuerbaren Wasserressourcen, und davon ist ein großer Teil verschmutzt“, sagt Volker Weber, Direktionsmitglied von Swisscanto. Wasserverschmutzung ist nicht nur in China ein Problem, aber dort sind die Zahlen besonders erschreckend. Rund ein Viertel der chinesischen Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Einer aktuellen Studie der Weltbank zufolge sterben jährlich 60.000 Chinesen aufgrund verschmutzten Wassers. Die chinesische Regierung sieht in ihrem Fünf- Jahres-Plan bis 2010 Wasser- Investitionen in Höhe von 125 Milliarden US-Dollar vor. In der westlichen Welt hat die Reinhaltung des Wassers bereits eine lange Tradition. Die Brisanz der Wasserverschmutzung hat in den letzten Jahrzehnten nachgelassen, doch die Herausforderungen bleiben groß, denn die Anspruchshaltung der Bevölkerung ist gestiegen. Zudem bereiten immer wieder neue Schadstoffquellen Probleme. Beispielsweise erkannte man Mitte des 20. Jahrhunderts, dass Nährstoffe im Abwasser, insbesondere Phosphate, die Seen überdüngen und zu großen Algenblüten führen. 50 Jahre später ist dieses Problem dank der Entwicklung adäquater Technologien und der Durchsetzung des Phosphatverbots in Waschmitteln weitgehend gelöst. Allerdings bedürfen nun die Maßnahmen zur Reduktion des Stickstoffgehalts im gereinigten Abwasser großer Investitionen. Beim Trinkwasser richtet man heute das Augenmerk besonders auf neuere Arten von Parasiten (z. B. Wasser ist alles 5/5Cryptosporidien, Giardia). Doch nicht nur die Sensibilität der Bevölkerung ist gestiegen, sondern auch durch die erhöhte Aufmerksamkeit der Medien werden neue Gefährdungen oder Verschmutzungen schnell publik. Zurzeit werden erst 5 Prozent des weltweiten Abwassers gereinigt. In früheren Jahren ging es darum, durch die Reinigung von Abwasser die Gewässerverschmutzung zu verhindern, heute steht zunehmend auch die Aufbereitung von Abwasser für den weiteren Gebrauch (Toilettenspülung, Bewässerung, Grundwasseranreicherung) im Vordergrund. Der Abwasserreinigungsmarkt ist ein Milliardenmarkt (siehe Grafik Wasserreinigung). Im Bereich der Wasserreinigung ist die Desinfektion des Trinkwassers das häufigste Aufbereitungsverfahren in der Wasserversorgung. 80 Prozent des Wassers, das in Siedlungen verwendet wird, ist desinfiziert. Trotzdem werden noch 80 Prozent aller Infektionskrankheiten durch nicht desinfiziertes Wasser verbreitet. In einigen Ländern hat aufgrund der Wasserknappheit die Meerwasserentsalzung enorm an Bedeutung gewonnen. Nicht nur Meer- und Brackwasser (Mischwasser: Salzund Süßwasser) wird durch Entsalzung zu Trinkwasser aufbereitet. Vermehrt ist auch bei der Abwasseraufbereitung eine Entsalzung notwendig. „Derzeit sind 13.000 Entsalzungsanlagen weltweit im Einsatz, welche täglich rund 45 Millionen Kubikmeter Wasser entsalzen, die meisten davon in der Golfregion“, erklärt Philippe Rohner, Fondsmanager des PF Water. Einer seiner Top-Holdings ist der französische Umweltservicekonzern Veolia Environnement. In der Wasserbranche tätige Unternehmen wie Veolia, Suez oder die Geberit AG gehören zu den Top-Holdings aller angebotenen Wasserfonds. Zu Recht möchte man meinen. Auf Jahressicht stieg etwa der Aktienkurs von Veolia um rund 57 Prozent, der von Geberit sogar um 60 Prozent. Veolia hat kürzlich einen Großauftrag aus Australien erhalten. Die Konzernsparte Veolia Water wird gemeinsam mit seinem Joint Venture Partner John Holland eine Meerwasserentsalzungsanlage mit einer Gesamtkapazität von 250.000 m3/Tag im Auftrag der Sydney Water Corp. errichten. Durch die Meerwasserentsalzungsanlage soll die Wasserversorgung der Großstadt Sydney sichergestellt werden. Entsalzung ist technisch schon lange möglich, wird aber derzeit noch nicht breit angewendet. „Diese Anlagen sind mit einem hohen Energieverbrauch und damit auch meistens mit der Produktion von Treibhausgasen verbunden“, bemerkt Volker Weber. Bei den Meerwasserentsalzungsanlagen wird zwischen zwei Arten unterschieden, die einen entziehen dem Wasser das Salz durch Destillation, die anderen entsalzen auf Basis von Membranfiltern. Viele Destillationsanlagen stehen in der Golfregion, wo die Energiepreise sowieso eine untergeordnete Rolle spielen. Nachteilig ist zudem, dass das entzogene Salz als Sole wieder ins Meer zurückgeleitet wird, was negative Auswirkungen auf das Ökosystem des Meeres hat. Doch in den letzten Jahren konnten die Produktionskosten um jährlich 10 Prozent gesenkt werden und das Einsparpotenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. In Zukunft ist daher mit einer großen Zunahme an Investitionen im Bereich der Entsalzung zu rechnen. Allerdings sind Entsalzungsanlagen allein kaum geeignet, die Wasserknappheit zu lösen. Es sind eine Vielzahl von Maßnahmen notwendig, allen voran eine effizientere Verteilung und Nutzung der verfügbaren Wassermengen. Die 2.500 Experten aus über 140 Ländern auf der Welt- Wasser-Woche siedelten den Investitionsbedarf für die weltweite Wasserwirtschaft im Billionenbereich an. Die Investmentbranche wird ihren Teil dazu beitragen, dass diese Summe aufgerufen werden kann. Die Produktpalette scheint noch recht dünn. Das ist aber auch ein Anzeichen dafür, dass der Wasser-Zug noch nicht abgefahren ist und die attraktivsten Renditeplätze direkt hinter der Lok noch frei sind.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Jörg Ehlers vom WWF Deutschland

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