25 Prozent auf alles
Diese Sonderaktion des Fiskus gilt ab 1. Januar 2009 und hat mit der kundenfreundlichen Rabattpolitik einer Baumarktkette leider wenig gemein. Denn der Steuerbeschluss erzwingt langfristige Investitionsentscheidungen noch vor dem Stichtag. Es herrscht Ausverkaufsstimmung. Man fühlt sich schon stark an das Jahr 2004 erinnert. Damals herrschte Heiterkeit wie zu Zeiten des Winterschlussverkaufs.
Der Gesetzgeber beschloss, zum 1. Januar 2005 der Lebensversicherung die Steuerfreiheit zu entziehen. Die Berater rieben sich die Hände. Bewaffnet mit diesem Verkaufsargument und einem Rechenbeispiel, welches die Auswirkungen in Euro veranschaulichte, wurden Lebensversicherungen verkloppt, wie zuletzt nach dem Mauerfall. Das Jahr 2008 könnte für die Beraterbranche ähnlich umsatzstark verlaufen. Mit der zum 1. Januar 2009 in Kraft tretenden Abgeltungssteuer tut sich ein neues wirkungsvolles Verkaufsargument auf. „Es ist anzunehmen, dass es eine regelrechte Werbeschlacht im Zuge der Abgeltungssteuer geben wird“, ist sich Björn Drescher von der Wirtschafts- und Finanzinformationsgesellschaft Drescher & Cie. sicher. Er könnte Recht behalten, denn beim Thema Steuerersparnis bekommt der Deutsche nach wie vor spitze Ohren. Und das wissen auch die Fondsgesellschaften. Anlegern wird nahe gelegt, noch vor 2009 ihr Geld zu investieren. Verschläft der Anleger diesen Stichtag, werden zukünftig auch Einnahmen aus Kursgewinnen um 25 Prozent ( zzgl. Solidaritätszuschlag und eventueller Kirchensteuer) geschmälert. Rechtzeitige Investitionen genießen Bestandsschutz und Kursgewinne bleiben weiterhin steuerfrei (siehe Rechenbeispiel). Ein starkes Argument für Berater, ein Gesetzentwurf der den Privatanleger zur Weißglut treibt. Die einstigen Aufrufe der Regierung, die eigene Rente mittels privater Altersvorsorge aufzubessern, wirken dabei wie eine Farce. Ebenso die Höhe des verbliebenen Sparerpauschbetrages von 801 Euro. Jedes Jahr soll sich der Anleger über diese Summe freuen, sie bleibt von der Steuer unberührt. Dabei juckt es die Macher der Abgeltungssteuer herzlich wenig, dass in anderen Ländern, wie Frankreich oder Großbritannien, diese jährlichen Freibeträge mit 20.000 Euro bzw. 8.800 britischen Pfund (ca. 13.000 Euro) um ein Vielfaches höher ausfallen.
Spare Dich nicht reich. Auch für Sparer von langfristigen Verträgen kommt die Abgeltungssteuer einem Dolchstoss gleich. Denn selbst weitsichtige Anleger, die seit Jahren ihren Vermögensaufbau mit Hilfe von Sparplänen in Aktienfonds betreiben, müssen neu kalkulieren. „Wir hatten uns bis zuletzt dafür eingesetzt, dass es für Fonds-Sparpläne, die vor dem 1. Januar 2009 abgeschlossen werden, einen Bestandsschutz auch für die nach 2009 folgenden Einzahlungen geben wird. Leider ohne Erfolg“, zeigt sich Felix Fornelka vom Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) völlig enttäuscht. Das bedeutet, dass ab dem Monatsbeitrag von Januar 2009 alle weiteren Raten der Abgeltungssteuer unterliegen. Ebenso alle Ausschüttungen und Thesaurierungsbeträge. Doch der BVI will sich nicht so einfach geschlagen geben: „Wir werden nicht locker lassen und werden uns weiterhin für Verbesserungen der Altersvorsorge für die Bundesbürger stark machen“, zeigt sich Fornelka kämpferisch. Für ihn ist auch klar, warum das Thema Abgeltungssteuer so eine Katastrophe für den Privatanleger geworden ist: „Die Abgeltungssteuer hat darunter gelitten, dass sie in den Komplex Unternehmenssteuerreform mit eingebunden wurde. Der Regierung ging es letztlich nur um die Finanzierung dieses Gesamtpaketes, vor allem deshalb sind unsere Vorschläge nicht aufgenommen worden.“ Die wichtigsten Verbesserungsvorschläge sind aber genau jene, die die Ablaufleistung langfristiger Sparverträge zum Aufbau einer Altersvorsorge erheblich beeinflussen:
1. Bestandsschutz für Investment-Sparverträge, die vor 2009 abgeschlossen wurden
2. Steuerentlastung für Wertzuwächse mit zunehmender Laufzeit
3. Abschaffung der Steuererhebung bei thesaurierenden Investmentfonds
Die Gewinner der Abgeltungssteuer. Die Anlagestrategien werden sich verändern. Der Gesetzgebung ausgesetzt suchen Anleger jetzt nach Auswegen aus der Misere. Mit der Übergangsregelung bis Ende 2008 bleibt wenigstens noch genügend Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. „Handele jetzt und ärgere dich später weniger“, lautet daher auch das Motto von Hans Jörg Naumer, Kapitalmarkt-Analyst bei Allianz Global Investors. Für ihn gewinnen vor allem allinklusive Lösungen an Bedeutung: Anlageformen, die auch langfristig auf Marktveränderungen eingehen können, ohne dabei jedes Mal die Steuer auf Kursgewinne auszulösen. Dachfonds und Laufzeitfonds rücken daher ins Blickfeld der Investoren. Dachfondsmanager können innerhalb ihres Mantels steuerneutral umschichten. Privatanleger, die die Aktivitäten eines Dachfondsmanagers bislang eigenhändig nachbildeten, müssen ab 2009 von ihren realisierten Gewinnen 25 Prozent an den Fiskus abgeben. Ähnlich flexibel und steuerschonend agieren Laufzeitbzw. Lebenszyklusfonds. Die zunehmend defensivere Ausrichtung und Umschichtung innerhalb der Fonds mit näher rückendem Ablaufzeitpunkt löst keine Abgeltungssteuer aus. Die Fondsgesellschaften wittern jetzt die Chance, bis zum Stichtag den Anleger langfristig an ihre Produkte binden zu können. Und so trommeln die Marketingabteilungen auch schon für ihre Produkte. „Wir werden versuchen, den Anleger von den unbestreitbaren Vorteilen eines aktiv verwalteten Dachfonds zu überzeugen“, beschreibt Karin Brigl von der German Capital Management AG die außerordentliche Chance, die sich besonders 2008 bieten wird. Not macht erfinderisch. Dachfondsspezialist Sauren plant als Reaktion auf die neue Steuer eine Kombination aus Lebenszyklus- und Dachfonds. Die Laufzeit ist nicht begrenzt. Die Aktienquote richtet sich nach dem Eintrittsalter des Anlegers und sinkt jedes Jahr um einen festen Prozentsatz. Geplant sind diese Fonds zum Jahreswechsel.
„Hin und Her macht Taschen leer“ lautet eine alte Börsenweisheit. Und ab 2009 wird diese noch mehr zum Tragen kommen. „Raus aus Fonds und rein in den nächsten wird es so nicht mehr geben“, sieht Sinan Temelli von Fidelity den bedingten Trend hin zu buy-and-hold Strategien. Anleger werden es sich gründlich überlegen, ob sie einen Fonds, der hinter den Erwartungen zurückblieb, gleich verkaufen werden. Andererseits sieht Temelli im Menschen auch das Gewohnheitstier. „Es wird auch Anleger geben, die ihre Strategie nicht ändern und die Steuer einfach hinnehmen, vergleichbar mit den stetig steigenden Benzinpreisen. Da wird auch viel gemeckert und letztlich brav gezahlt.“ Temelli befürwortet aber klar die Forderungen des BVI, gerade den langfristigen Vermögensaufbau weiter zu fördern, als ihn mit der jetzigen Umsetzung der Abgeltungssteuer zu beschneiden. Die degressiven Steuermodelle anderer europäischer Länder seien eine akzeptable Lösung, da erstens damit die Besteuerung inflationäre Scheingewinne verhindert und zweitens die Motivation zum langfristigen Vorsorgesparen weiter erhöht würde. Auf die Beraterbranche wartet eine spannende Zeit. Die Depots ihrer Kunden bedürfen hinsichtlich der steuerlichen Behandlung ab 2009 einer Kontrolle. Schwache Marktphasen sollten bis Ende 2008 verstärkt genutzt werden, um eigene Bestände nach altem Steuerrecht aufzustocken. Allein in Geldmarktfonds parken zurzeit über 245 Milliarden Euro, die investiert werden wollen. Ein hohes Provisionspotenzial für Berater, welches sie nutzen sollten. Denn lebte der Vertrieb bislang von den regelmäßigen Umschichtungen ihrer Kunden, sind diese Zeiten ab 2009 wohl vorbei.
