„Das ist nun mal definitiv kein Marketing-Gag“
Eine neue Strategie geistert durch die Fondsbranche. 130/30 heißt die Zauberformel. Reiner Hübner, Leiter Aktien/Balanced und Geschäftsführer der UBS Global Asset Management GmbH erklärt, was davon eigentlich zu halten ist.
procontra: Herr Hübner, immer mehr Fondsgesellschaften kommen mit so genannten 130/30-Fondsprodukten auf den Markt. Was verbirgt sich hinter dieser Strategie?
Rainer Hübner: Aus einem Aktienportfolio mit einem 100-prozentigem Anteil wird zumindest brutto ein Aktienportfolio mit einem 130-prozentigem Anteil gemacht. Der Fondsmanager investiert 30 Prozent zusätzlich in die bestehenden Titel, die bereits im Portfolio sind und deren künftige Kursentwicklung positiv bewertet wird. Diese zusätzlichen 30 Prozent finanziert man durch „short gehen“, also durch so genannte Leerverkäufe für jene Einzeltitel, deren künftige Kursentwicklung als negativ prognostiziert wird. Bei Leerverkäufen werden Aktien verkauft, ohne sie zu besitzen. Somit erhält man ein 100-prozentiges Aktienportfolio mit einer höheren erwarteten Aktivenrendite.
procontra: Diese Produkte werden wegen ihrer Strategie gelegentlich „Hedgefonds light“ genannt. Was ist davon zu halten?
Hübner: Das ist irreführend. Der Anleger partizipiert an der Entwicklung der Aktienmärkte zu 100 Prozent, im positiven wie im negativen Sinne.
procontra: Ist dies wirklich eine sinnvolle Strategie oder steckt wieder nur eine ausgewählte Marketing-Strategie dahinter?
Hübner: Diese Strategie ist nun mal definitiv kein Marketing-Gag. Denn es ist wissenschaftlich erwiesen, dass das Fondsmanagement damit Mehrertrag, neudeutsch Alpha, generieren kann, vorausgesetzt das Management verfügt über die entsprechende Prognosegüte. Nicht werthaltige Einzeltitel konnten Fondsmanager bisher nicht am Markt verkaufen, sondern konnten den Titel im Portfolio einfach nicht halten.
procontra: Die 130/30-Strategie wurde bereits vor 30 Jahren in den USA entwickelt und stand bislang überwiegend institutionellen Anlegern zur Verfügung. Warum ist die Strategie gerade jetzt so „en vogue“?
Hübner: Viele Investoren sind an uns herangetreten und haben gerade in Zeiten turbulenter Märkte, als viele Kurse nach unten gegangen sind, die Fondsmanager dafür kritisiert, dass sie zu stark an ihrer Benchmark kleben. Investoren erwarten höhere Renditen und sind bereit, hierfür höhere Risiken über konzentriertere Portfolios zu tolerieren. In der Weiterentwicklung dieser konzentrierten Portfolios haben wir festgestellt, dass das Risiko durch „Short-Positionen“ nicht erhöht wird.
procontra: Nach der EU-Richtlinie Ucits III dürfen europäische Publikumsfonds seit 2004 den Investitionsgrad ihrer Portfolio hebeln. Theoretisch wäre so ein Portfolio aus 100 Prozent Short-Positionen und 200 Prozent Long-Anteil möglich? Warum gerade das Verhältnis 130/30 bzw. 135/35?
Hübner: Das Information Ratio (Anm. d. Red.: Kennziffer zur Bewertung der Qualität eines Fondsmanagements) kann durch einen Anteil von 30 bis 40 Prozent signifikant erhöht werden. Es kann nicht beliebig gehebelt werden, auch wir haben 20 bis 40 Prozent als optimal identifiziert.
procontra: Ein 130/30-Fonds ist ein klares Bekenntnis zu aktivem Fondsmanagement. Doch die Mehrheit aller aktiven Fondsmanager schlagen schon jetzt ihre Benchmark nicht. Warum sollten sich Anleger trotzdem dafür entscheiden?
Hübner: Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Durch den Einsatz dieser Strategie konnten wir über einen Marktzyklus von drei bis acht Jahren die Benchmark deutlich schlagen. Ein guter aktiver Manager ist schon wichtig, sonst wird das Ergebnis durch eine 130/30-Strategie nicht verbessert. Aber auch nicht verschlechtert, denn die Möglichkeit der „Short-Positionen“ diversifiziert das Portfolio. Die Qualität des globalen Researchs muss aber zwingend vorhanden sein.
procontra: Wagen Sie einen Ausblick!
Hübner: Investoren werden in Zukunft verstärkt vom aktiven Fondsmanager fordern, dass dieser sich vom Index weg, aktiver positioniert. Wenn Investoren kein Vertrauen in die Fähigkeiten des Fondsmanagers haben, dann werden Investoren in Zukunft passivieren, sprich einfach den Index abbilden. Und im Sinne einer coresatellite- Strategie wollen Investoren als Renditebringer, sprich satellite, hochaktive Manager. Von aktiven Managern wird erwartet, dass sie auch aktives Risiko nehmen.
